Medienbildung als dauerhafte Aufgabe: Empfehlungen zum Schutz junger Menschen in sozialen Medien
Wie können Kinder und Jugendliche soziale Medien sicher, selbstbestimmt und kompetent nutzen? Und welche Strukturen braucht es dafür in Mecklenburg-Vorpommern?
Mit diesen Fragen hat sich die Expertenkommission zum „Schutz von Kindern und Jugendlichen in den Sozialen Medien“ beschäftigt. In der Kommission kamen zahlreiche Perspektiven zusammen: Wissenschaft, Kinder- und Jugendhilfe, Schule, Elternvertretungen, Jugendbeteiligung, Medizin und Psychologie, Datenschutz, Jugendmedienschutz sowie medienpädagogische Praxis.
Die nun vorliegenden Empfehlungen sind aus Sicht des Landesfachverbandes Medienbildung Mecklenburg-Vorpommern von besonderer Bedeutung. Denn das Papier betrachtet den Schutz von Kindern und Jugendlichen nicht allein als Frage von Altersgrenzen, Verboten oder technischen Schutzmaßnahmen. Im Mittelpunkt steht vielmehr das Zusammenspiel von Schutz, Befähigung und Teilhabe.
Gerade das ist für eine zeitgemäße Medienbildung entscheidend. Kinder und Jugendliche müssen vor Risiken im digitalen Raum geschützt werden. Gleichzeitig müssen sie die Möglichkeit erhalten, digitale Medien selbstbestimmt zu nutzen, zu verstehen und mitzugestalten.
Medienbildung braucht verlässliche Strukturen
In Mecklenburg-Vorpommern gibt es bereits eine vielfältige Landschaft schulischer und außerschulischer Medienbildungsangebote. Die Expertenkommission spricht sich dafür aus, diese Angebote strategisch weiterzuentwickeln und strukturell stärker zu verankern.
Eine der zentralen Empfehlungen ist deshalb die Entwicklung einer ressortübergreifenden Gesamtstrategie „Medienbildung MV 2030“. Vorgeschlagen werden unter anderem eine zentrale Landesfach- und Koordinierungsstelle Medienbildung, ein landesweiter Überblick über bestehende Angebote sowie eine stärkere Beteiligung junger Menschen an politischen Prozessen rund um ihre digitalen Lebenswelten.
Gerade die vorgeschlagene Landesfach- und Koordinierungsstelle Medienbildung halten wir für essenziell. Eine solche Fachstelle wäre keine weitere Netzwerkstruktur, sondern könnte eine dauerhaft zuständige fachliche Instanz für Medienbildung im Land schaffen.
Sie könnte vorhandene Expertise bündeln, Entwicklungen im Land im Blick behalten, Kommunen und Träger beraten, Qualitätsentwicklung unterstützen, bestehende Angebote sichtbar machen und als verlässliche Ansprechpartnerin für Politik, Verwaltung und Praxis dienen.
Entscheidend ist dabei, dass eine solche Fachstelle mit einem klaren Auftrag und ausreichenden personellen und finanziellen Ressourcen ausgestattet wird. Sie sollte bestehende Strukturen nicht ersetzen oder zusätzliche Doppelstrukturen schaffen, sondern diese unterstützen und entlasten.
Aus Sicht des Landesfachverbandes ist insbesondere die strukturelle Verankerung entscheidend. Gute Projekte und engagierte Einzelpersonen gibt es im Land. Viele dieser Angebote sind allerdings von zeitlich begrenzten Förderungen, einzelnen Personalstellen oder dem besonderen Engagement weniger Menschen abhängig.
Medienbildung darf langfristig nicht davon abhängen, ob gerade ein passendes Förderprogramm existiert oder einzelne Akteurinnen und Akteure zusätzliche Aufgaben übernehmen können.
Ohne Fachkräfte keine nachhaltige Medienbildung
Besonders wichtig ist deshalb die Forderung der Expertenkommission nach einer dauerhaften Stärkung medienpädagogischer Fachkräfte. Ihre Zahl soll erhöht und Medienbildung verbindlicher in der Aus-, Fort- und Weiterbildung pädagogischer Berufsgruppen verankert werden. Zusätzliche Fachkraftstellen werden insbesondere für den ländlichen Raum empfohlen.
Gerade für ein Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern ist dieser Punkt von zentraler Bedeutung.
Förderprogramme und Projektmittel allein schaffen noch keine Angebote. Am Ende braucht es Menschen, die Projekte entwickeln, durchführen und langfristig begleiten. Schon heute stoßen Einrichtungen immer wieder an Grenzen, weil medienpädagogische Fachkräfte oder geeignete Honorarkräfte fehlen. Im ländlichen Raum verschärft sich diese Situation zusätzlich.
Es kann deshalb nicht nur darum gehen, neue Programme und Fördermöglichkeiten zu schaffen. Es muss gleichzeitig geklärt werden, wer diese Angebote überhaupt umsetzen soll.
Projektförderungen können wichtige Impulse setzen und Neues ermöglichen. Sie können dauerhaft vorhandene Fachkräfte jedoch nicht ersetzen.
Von einzelnen Projekten zu dauerhaften Angeboten
Eng damit verbunden ist die Finanzierung der bestehenden Medienbildungslandschaft.
Die Expertenkommission empfiehlt, bewährte Medienbildungsprojekte, Medienwerkstätten und regionale Angebotsstrukturen langfristig finanziell und strukturell abzusichern. Förderzugänge sollen vereinfacht und entbürokratisiert werden. Gleichzeitig sollen mobile Medienbildungsangebote ausgebaut werden, um insbesondere ländliche Regionen besser erreichen zu können.
Diese Forderung ist wichtig. Denn wenn erfolgreiche Angebote nach wenigen Jahren wieder verschwinden, geht weit mehr verloren als ein einzelnes Projekt. Es verschwinden Erfahrungen, gewachsene Kooperationen, technische Infrastruktur und oftmals auch Fachkräfte.
Hinzu kommt ein weiteres praktisches Problem: Medienbildung benötigt Ausstattung. Technik lässt sich nicht für jedes Projekt kurzfristig und überall ausleihen. Gerade außerhalb größerer Städte fehlen entsprechende Möglichkeiten häufig.
Nachhaltige Medienbildung bedeutet deshalb auch, Orte und Einrichtungen dauerhaft so auszustatten, dass dort Angebote entstehen können. Technik, Räume und Personal müssen gemeinsam gedacht werden.
Wir brauchen nicht immer neue Netzwerke
An mehreren Stellen der Empfehlungen wird eine stärkere Vernetzung und Koordinierung der verschiedenen Akteurinnen und Akteure vorgeschlagen. Dieser Punkt muss aus unserer Sicht differenziert betrachtet werden.
Das Problem in Mecklenburg-Vorpommern ist nicht, dass sich die Akteurinnen und Akteure der Medienbildung nicht kennen.
Im Gegenteil: Die medienpädagogische Landschaft des Landes ist bereits stark vernetzt. Viele Menschen arbeiten seit Jahren miteinander. Sie begegnen sich in Netzwerken, Arbeitsgruppen, Fachverbänden, Projekten, Veranstaltungen und unterschiedlichen Gremien.
Teilweise erleben wir inzwischen eher eine Übervernetzung. Dieselben Personen sitzen in verschiedenen Arbeitsgruppen und Austauschformaten immer wieder zusammen.
Deshalb sollte die Antwort nicht automatisch darin bestehen, weitere Netzwerke und Gremien zu schaffen. Vernetzung darf kein Selbstzweck sein.
Gerade bei begrenzten personellen Ressourcen bindet jedes zusätzliche Netzwerk Zeit. Diese Zeit fehlt möglicherweise an anderer Stelle für konkrete medienpädagogische Arbeit.
Entscheidend ist vielmehr, bestehende Strukturen besser zu nutzen, Doppelstrukturen zu vermeiden, Zuständigkeiten klarer zu definieren und vorhandene Expertise tatsächlich in konkretes Handeln zu übersetzen.
Genau an dieser Stelle sehen wir auch die Bedeutung einer Landesfachstelle Medienbildung. Eine Fachstelle und ein weiteres Netzwerk sind nicht dasselbe. Eine Fachstelle kann Verantwortung übernehmen, kontinuierlich arbeiten und Dienstleistungen für die Praxis anbieten. Sie kann dafür sorgen, dass nicht immer wieder dieselben ehrenamtlichen oder ohnehin stark eingebundenen Fachkräfte zusätzliche Koordinierungsaufgaben übernehmen müssen.
Eine solche Struktur könnte damit sogar dazu beitragen, die bestehende Übervernetzung zu reduzieren.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie können wir uns noch stärker vernetzen?
Sondern: Wie organisieren wir Medienbildung so, dass aus der vorhandenen Vernetzung dauerhaft handlungsfähige Strukturen entstehen?
Medienbildung findet nicht nur in Schule statt
Positiv ist, dass die Empfehlungen Medienbildung nicht ausschließlich als schulische Aufgabe betrachten.
Schulen, Hochschulen, Kinder- und Jugendhilfe, Bibliotheken und Medienbildungsträger werden gemeinsam in den Blick genommen. Medienbildung soll entlang der gesamten Bildungskette verankert werden.
Besonders hervorzuheben ist dabei auch die Rolle öffentlicher Bibliotheken. Die Expertenkommission schlägt ausdrücklich vor, Bibliotheken zu regionalen Zentren für Medienbildung und digitale Teilhabe auszubauen.
Gleichzeitig sollen offene, nicht kommerzielle und niedrigschwellige Räume für selbstbestimmte Medienbildung gestärkt werden.
Das ist ein wichtiger Ansatz. Medienbildung entsteht nicht nur im Unterricht. Kinder und Jugendliche brauchen Orte, an denen sie digitale Medien ausprobieren, gestalten, hinterfragen und gemeinsam mit anderen nutzen können.
Bibliotheken, Jugendclubs, Medienwerkstätten, Makerspaces und andere außerschulische Einrichtungen können genau solche Räume schaffen.
Damit diese Orte ihre Aufgabe erfüllen können, benötigen sie allerdings ebenfalls Personal, Ausstattung und langfristige finanzielle Sicherheit.
Schutz und Teilhabe gehören zusammen
Eine der wichtigsten Aussagen der Empfehlungen ist, dass die Diskussion über soziale Medien nicht ausschließlich über Risiken geführt werden darf.
Natürlich müssen Kinder und Jugendliche vor problematischen Plattformmechanismen, digitaler Gewalt, Hass, Desinformation, Cybergrooming oder suchtähnlichen Nutzungsmustern geschützt werden.
Gleichzeitig sind soziale und digitale Medien Teil ihrer Lebenswelt.
Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf gesellschaftliche, kulturelle und politische Teilhabe. Dazu gehört heute selbstverständlich auch die digitale Welt.
Jugendmedienschutz und Medienbildung dürfen deshalb nicht gegeneinander ausgespielt werden. Schutz, Befähigung und Teilhabe müssen gemeinsam gedacht werden.
Medienbildung ist damit kein Zusatzangebot, das erst dann relevant wird, wenn Probleme auftreten. Sie ist Bestandteil von Bildung, Kinder- und Jugendhilfe, Demokratiebildung, Prävention und gesellschaftlicher Teilhabe.
Jetzt kommt es auf die Umsetzung an
Die Empfehlungen der Expertenkommission bieten eine wichtige Grundlage für die weitere Diskussion über Medienbildung und Jugendmedienschutz in Mecklenburg-Vorpommern.
Viele Herausforderungen, mit denen Akteurinnen und Akteure der Medienbildung seit Jahren konfrontiert sind, werden darin aufgegriffen: fehlende dauerhafte Strukturen, Fachkräftemangel, projektbezogene Finanzierung, regionale Unterschiede, fehlende Ressourcen und die Frage, wie Medienbildung langfristig im Land verankert werden kann.
Nun kommt es darauf an, was aus diesen Empfehlungen entsteht.
Aus Sicht des Landesfachverbandes braucht Medienbildung dabei nicht in erster Linie noch mehr Vernetzung. Die Akteurinnen und Akteure im Land kennen sich. Sie arbeiten seit vielen Jahren zusammen und verfügen über viel Erfahrung und Expertise.
Was wir brauchen, sind Strukturen, die diese Expertise dauerhaft nutzbar machen. Eine Landesfachstelle Medienbildung wäre dafür ein wichtiger Baustein.
Daneben braucht es qualifizierte Fachkräfte vor Ort, langfristige Finanzierung, geeignete Räume und Ausstattung sowie klare Zuständigkeiten.
Die Empfehlungen der Expertenkommission bieten die Chance, Medienbildung in Mecklenburg-Vorpommern stärker als dauerhafte gesellschaftliche Infrastruktur zu verstehen und weniger als eine Abfolge einzelner Projekte, Förderprogramme und immer neuer Netzwerke.
Diese Chance sollten wir nutzen.

